In all ihren Arbeiten untersucht Beate Spitzmüller Zeit und Prozeß als
von
einander abhängige Phänomene oder wendet sie als Kategorien auf den
Untersuchungsgegenstand an. Dabei spielt Rhythmisierung bzw. das Sich-
Unterwerfen einer zeitlichen, aber auch räumlichen Ordnung eine herausra-
gende Rolle. Sie untersucht ferner Veränderungen und Umbrüche, die durch
und mit dem Ablauf von Zeit entstehen. Einerseits ist der Rhythmus und
das
Sich-einer-Ordnung-Unterwerfen selbst gewählt, andererseits ist die
Ordnung
gegeben.
Viele ihrer Arbeiten sind serieller Natur. Dieser Art des künstlerischen
Arbei-
tens ist der Gedanke des Prozesses immanent. Eine dieser Arbeiten
(Tageslauf) besteht aus 27 Fotos, die Spitzmüller in einem Zeitraum
von 13
Stunden aufnahm. Immer wieder denselben Punkt auf einem Fels im Wasser
einnehmend, brachte sie die Kamera frontal zum Meer in Position und
drückte
auf den Auslöser. Alle halbe Stunde entstand so ein Bild. Zwischen dem
Foto-
grafieren beschäftigte sie sich mit anderen Dingen, unterbrach dann
ihre
Tätigkeit und wechselte zum Fels für ein weiteres Foto. Auf diesem Wege
entstanden Aufnahmen, deren Verschiedenartigkeit durch die Bewegung
des
Meeres, den Sonnenstand, die eigene Körperhaltung und die immer
wieder
etwas unterschiedliche Positionierung der Kamera hervorgerufen wurde.
Beate Spitzmüller unterwarf sich nicht nur für die Meeresfotos einer
strengen
zeitlichen Ordnung, sondern seit mehreren Jahren führt sie immer wieder
zur
selben Zeit über eine bestimmte Dauer selbstgewählte und zu ihrer künstleri-
schen Produktion gehörende Aufgaben aus. Jeden Morgen schlägt sie Zeich-
nungen in einem bestimmten Rhythmus. Mit zwei Bleistiften trommelt sie
auf
das Papier ein. Dabei entstehen wie von selbst zwei Schläge pro Sekunde,
wenn sie ohne gewollte Pause schlägt. Sie schlägt aber auch bestimmte
Reihungen, z. B. die Primzahlen, die sie in dem vorgegebenen Zeitraum
von
z. B. 5 Minuten zustandebringt, oder die kompliziertere Fibonacci-Reihe:
1, 1,
2, 3, 5, 8, 13, 21, 24, 55 usw. (die längste Zeichnung dieser Reihe
dauerte 89
Minuten).
Sie unterwirft sich hier nicht nur ihrer eigenen subjektiven, sondern
gleich-
zeitig einer vorgegebenen logischen Ordnung. Obwohl sie auch hier nach
einem festen Schema vorgeht, sind die Zeichnungen alle mehr oder weniger
unterschiedlich. Das Ergebnis ist neben der Zeitdauer abhängig von den
vielen kleinen Unwägbarkeiten, z. B. dem unterschiedlichen Halten der
Stifte,
der Lage des Blattes und der Haltung des Körpers.
aus dem Text zur Berliner Ausstellung Zeitpunkte